Interessanter Artikel „Vitamin N“

Vitamin N (Natur): Therapie ohne Nebenwirkungen

Zahlreiche Studien belegen: Die Natur ist ein Gesundmacher. Sie hat positiven Einfluss auf die körperliche Verfassung des Menschen, aber auch auf seinen Seelenzustand. Wie viel Natur braucht es um diese Effekte zu erzielen? Und: Was passiert, wenn durch Umweltzerstörung und Klimawandel der Zugang zur Naturtherapie immer schwieriger wird?
Richard Louv, aus Psychologie Heute Ausgabe Dezember 2012

AIs ich klein war, hing der Spass in meiner Familie meistens mit Natur zusammen – mit Angelausflügen, Schlangen und Fröschen, die man entdeckte und fing, mit dunklem Wasser, das die Sterne berührte. Wir wohnten am Stadtrand von Raytown, Missouri. Hinter unserem Garten fingen die Maisfelder an, und dahinter kam der Wald und dann scheinbar unendliches Gelände mit noch mehr Farmen. Jeden Sommer rannte ich mit meinem Collie durch die Felder, boxte mich durch den Wald aus peitschenden Zweigen und Blättern, um meine unterirdischen Forts zu bauen und in die Krone einer Eiche zu klettern, die älter war als Jesse James. Nach der Maisernte wanderten mein Vater und ich über die Stoppeln und suchten nach den Bodennestern der Regenpfeifer mit ihren getüpfelten Eiern. Gemeinsam beobachteten wir voller Bewunderung, wie die Vogeleltern versuchten, uns von ihren Nestern wegzulocken, indem sie tragische Rufe ausstiessen und vortäuschten, sie hätten sich einen Flügel gebrochen.

Solche Momente wurden zu Familiengeschichten, denn unsere gemeinsamen Unternehmungen im Garten und auf dem Wasser und im Wald hielten unsere Familie zusammen.

Vielleicht liegt es an diesen Kindheitserinnerungen, dass ich als Erwachsener tief an die Heilkraft der Natur und an eine Wiedervereinigung von Mensch und Natur glaube. Und dass das Leben aufgrund einer solchen Wiedervereinigung besser wird.

Vor mehr als zweitausend Jahren schufen chinesische Taoisten Gärten und Gewächshäuser, um die Gesundheit der Menschen zu fördern. Im Jahre 1699 empfahl das Buch English Gardener seinen Lesern, sie sollten „freie Zeit im Garten verbringen und umgraben, pflanzen oder jäten; es gibt kein besseres Mittel, die Gesundheit zu erhalten.“ Und vor hundert Jahren bemerkte Joseph Muir: „Tausende nervenschwache, überzivilisierte Menschen finden allmählich heraus, dass man nach Hause kommt, wenn man in die Berge geht; dass die Wildnis lebensnotwendig ist und dass Naturparks und Schutzgebiete nicht nur zur Holzversorgung und als Wasserreservoirs taugen, sondern als Quell des Lebens.“

Heute verwandelt sich die alte Überzeugung, dass die Natur eine direkte positive Wirkung auf die Gesundheit hat, von einer Theorie zur bewiesenen Tatsache und von der Tatsache zur Aktivität. Gewisse Erkenntnisse sind dermassen überzeugend, dass im Gesundheitswesen bereits für eine ganze Reihe von Krankheiten und präventiven Massnahmen die Naturtherapie empfohlen wird. Und viele Menschen nutzen, ohne es so zu bezeichnen, die Natur als Tonikum. Wir verordnen uns selbst einen kostengünstigen und ausserordentlich angenehmen Arzneiersatz. Nennen wir ihn Vitamin N – wie Natur.

Neuere Forschungen stützen die Behauptung, dass die Naturtherapie Schmerzen und negativen Stress eindämmt; und für Herz- und Demenzkranke und Menschen mit anderer Symptomatik hat eine Verschreibung von Natur vermutlich einen Nutzen, der die vorhersagbaren Resultate von Bewegungen frischer Luft übersteigt.

Die Heilkräfte der Natur wirken sogar über die Distanz. In der chirurgischen Abteilung eines kleinen Vorstadtkrankenhauses in Pennsylvania boten einige Fenster eine Aussicht auf Laubbäume, während man aus den anderen nur auf eine braune Ziegelwand sah. Forscher fanden heraus, dass die Patienten in Zimmern mit Baumblick deutlich kürzer im Krankenhaus bleiben mussten (im Durchschnitt fast einen vollen Tag), weniger Schmerzmittel brauchten und sich weniger negative Kommentare in den Aufzeichnungen des Pflegepersonals zuzogen. In einer anderen Studie bekamen Patienten, die sich einer Bronchoskopie unterziehen mussten (wobei ein Schlauch mit einer Miniaturkamera in die Lunge eingeführt wird, nach dem Zufallsprinzip entweder nur Sedativa verabreicht oder Sedativa plus Naturkontakt in diesem Fall eine Fototapete mit einem Bergbach in einer Frühlingswiese und ein Endlosband mit dazu passenden Naturgeräuschen (zum Beispiel fliessendes Wasser oder Vogelgezwitscher). Die Patienten mit Naturkontakt verkrafteten die Prozedur deutlich besser.

Naturnähe kann auch gegen Fettleibigkeit wirken. Eine Studie, die 2008 im American Journal of Preventive Medicine veröffentlicht wurde, zeigt, dass der Body-Mass-Index von Kindern umso geringer ausfällt, je grüner die Gegend ist, in der sie leben. „Unsere neue Studie an mehr als 3800 Innenstadtkindern wies nach, dass ein Wohnumfeld mit Grünräumen einen positiven Langzeiteffekt auf das Gewicht und damit die Gesundheit der Kinder hat“, schreibt der federführende Autor Gilbert C. Liu.

Es stimmt zwar, dass man sich nicht zu viel direkter Sonneneinstrahlung aussetzen soll, weil das zu Hautkrebs führen kann, aber zu wenig Aufenthalt an frischer Luft wirkt sich ebenfalls negativ auf die Gesundheit aus. Nach einer Forschungsstudie leiden beinahe drei Viertel aller amerikanischen Jugendlichen an Vitamin-D-Mangel. Dieses Vitamin erhält der Körper durch Sonnenlicht und einige Nahrungsmittel oder -Zusätze. Afroamerikaner sind hier besonders gefährdet, wie ein Forscher im Scientific American erklärt, weil ihre Haut mehr Melanin, also Pigmente enthält, wodurch der Körper weniger leicht ultraviolettes Licht absorbieren kann. um Vitamin D zu synthetisieren. Manche Wissenschaftler meinen, nicht ganz so viele Menschen seien gefährdet (möglicherweise liegt der Prozentsatz eher bei der Hälfte), aber niemand bezweifelt, dass der Vitamin-D-Spiegel im Blut der Jugendlichen abnimmt und dass Vitamin-D-Mangel mit vielen Gesundheitsproblemen zusammenhängt, unter anderem mit bestimmten Krebsarten, Arterienversteifungen, Diabetes vom Typ 2, Stimmungstiefs im Winter, verminderter Körperkraft bei jungen Menschen und einer verminderten Lungenfunktion bei Kindern mit Asthma. Vitamin D schützt auch vor manchen Infektionskrankheiten, Autoimmunerkrankungen, Knochenbrüchen und Parodontose.

Über die Wirkung der Natur auf die geistige Gesundheit gibt es noch mehr Forschung als über die Wirkung auf das körperliche Befinden. Mehrere Berichte, darunter eine gründliche Auswertung der Literatur durch Forscher an der Deakinuniversität in Melbourne, Australien, halten das bisher Bekannte fest. Laut dem Deakinbericht lassen sich die folgenden gesundheitlichen Vorteile belegen: Der Aufenthalt im Grünen, zum Beispiel in Parks, hilft bei der Stressbewältigung und bei der Erholung von Stress, Krankheiten und Verletzungen.

Etablierte Methoden naturbasierter Therapien (dazu gehören Wildnis-, Garten- und Tiertherapien) werden mit Erfolg bei Patienten angewendet, die auf konventionelle Therapien psychischer oder körperlicher Beschwerden nicht angesprochen haben.

Wer in der Nähe von natürlichen oder naturnahen Räumen lebt, vor allem in Städten, hat eine positivere Lebenseinstellung und ist zufriedener.

Eine Studie an 260 Personen an vierundzwanzig verschiedenen Orten in ganz Japan ergab, dass bei Menschen, die eine Waldlandschaft betrachteten, die durchschnittliche Konzentration des Stresshormons Kortisol im Speichel um 13,4 Prozent niedriger war als bei Menschen in der Stadt.

In einer anderen Studie fand Li Qing von der Nippon Medical School in Tokio heraus, dass Bewegung im Grünen die Aktivität der natürlichen Killerzellen steigern kann. Diese Wirkung hält bis zu dreissig Tagen an. „Wenn die Aktivität der Killerzellen zunimmt, steigert sich die Immunität, was die Widerstandskraft gegen Stress vergrössert“, schreibt Li, der die Zunahme der Killerzellen teilweise auf das Einatmen von Phytonziden zurückführt, antimikrobiell wirkenden ätherischen Ölen, die Pflanzen ausdünsten.

Um Hoffnung, Sinn und Trost zu finden, sucht unsere Gesellschaft Zuflucht bei Meditation, Medikamenten, Merlot und mehr. Diese Methoden funktionieren eine Weile, manche länger als andere, manche recht gut und manche zu unserem Schaden. Aber die heilende Kraft der Natur ist immer da. Natürlich ist der Aufenthalt in der Natur kein Allheilmittel. Er ist kein vollgültiger Ersatz für andere Formen professioneller Therapie oder Selbstheilung, aber er kann ein wirkungsvolles Mittel zur Erhaltung oder Verbesserung der geistigen Gesundheit sein.

„Zunehmend zeigt die empirische Forschung, dass Aufenthalte in der Natur substanzielle Vorteile für die geistige Gesundheit bringen“, liest man in Green Exercise and Green Care, einem Forschungsbericht aus dem Jahr 2009. „Unsere Erkenntnisse legen den Schluss nahe, dass es dringend geboten ist, grüne Bewegungsformen als therapeutische Intervention (green care) zu entwickeln.“ In einer Studie mit über 1850 Teilnehmern fanden die Forscher drei Felder, in denen Bewegung in der Natur sich gesundheitlich positiv bemerkbar macht: Das seelische Befinden bessert sich (die Stimmung hebt sich, die Selbstachtung wächst, während Wut, Verwirrung, Depression und Verkrampfung nachlassen); gleichzeitig verbessert sich auch die physische Gesundheit (der Blutdruck sinkt und Kalorien werden abgebaut); und schliesslich entstehen soziale Netze.

Die Forscher untersuchten auch Menschen, die an zwei unterschiedlichen Ausflügen teilgenommen hatten. Der eine Ausflug führte aufs Land, durch Wald, Wiesen und an Seen, der andere in ein grosses Einkaufszentrum. Beide Male war die Gehdauer die gleiche. „Nach dem Ausflug ins Grüne fand sich eine signifikante Verbesserung des Selbstwertgefühls und der Stimmung, verglichen mit dem Spaziergang im Einkaufszentrum, besonders was Gefühle wie Wut, Depression und Spannung angeht. Nach dem Spaziergang im Grünen fühlten sich 92 Prozent der Teilnehmer weniger deprimiert, 86 Prozent weniger angespannt, 81 Prozent weniger wütend, 80 Prozent weniger erschöpft, 79 Prozent weniger verwirrt und 56 Prozent energischer“, während nach dem Einkaufsbummel „die Depressivität bei 22 Prozent der Teilnehmer angestiegen war und 33 Prozent keine Veränderung ihres Depressionsniveaus feststellen konnten“.

Forscher in Schweden haben herausgefunden, dass Menschen, die im Grünen joggen, mit Bäumen, Büschen und landschaftlichen Ausblicken, sich erholter, weniger bedrückt, wütend oder deprimiert fühlen als Menschen, die die gleiche Menge Kalorien in einem Fitnessstudio verbrennen. Mit anderen Worten: die Verbesserung der Stimmung der sportlichen Betätigung zuschreiben, die immer positiv wirkt, aber auch dem Vitamin N. Und dessen Mangel verstärkt möglicherweise unsere Empfindlichkeit gegenüber Depressionen.

Wie viel Natur braucht es, um eine Wirkung auf die geistig-seelische Gesundheit feststellen zu können? Eine Studie behauptet, der Nutzen mache sich nahezu unmittelbar bemerkbar. Neue Erkenntnisse, die Jules Pretty und Jo Barton von der University of Essex veröffentlicht haben, lassen auf eine Minimaldosis Vitamin N schliessen. „Zum ersten Mal in der wissenschaftlichen Literatur ist es uns gelungen, eine Beziehung zwischen Dosis und Reaktion festzustellen, was die positive Wirkung der Natur auf die mentale Gesundheit Anbetrifft“, schreibt Pretty. Stimmung und Selbstwertgefühl verbesserten sich nach einer Dosis von fünf Minuten. Bewegung im Blau-Grünen ist sogar noch besser: Die Studie stellte fest, dass ein Spaziergang in der Natur neben einem Gewässer die grösste Verbesserung bewirkte. Das heisst natürlich nicht, dass wir nicht mehr als fünf Minuten Natur pro Tag brauchen. Die Analyse schloss 1252 Menschen unterschiedlichen Alters, Geschlechts und mentaler Verfassung ein, die im Rahmen von zehn Studien in Grossbritannien untersucht worden waren. Ergebnis: Menschen aller Altersstufen und sozialen Schichten hatten einen Naturgewinn, aber die grössten gesundheitlichen Veränderungen zeigten sich bei jungen Menschen und bei Menschen mit psychischen Störungen. „Aufenthalt in der Natur durch grünen Sport kann daher als leicht verfügbare Therapie ohne Nebenwirkungen betrachtet werden“, heisst es in dem Bericht.

Selbst die Beschäftigung mit Matsch oder Erde kann die Stimmung heben und gleichzeitig das Immunsystem ankurbeln. Eine Studie, die feststellte, dass das Mycobakterium vaccae eine positive Wirkung auf die Fähigkeit von Mäusen hat, sich in einem Labyrinth zurechtzufinden, stellte überdies eine Verringerung des Angstlevels fest. Eine weitere Studie, die an der Universität Bristol durchgeführt und in der Zeitschrift Neuroscience veröffentlicht wurde, entdeckte, dass Mäuse, die dem gutartigen Bakterium, das gewöhnlich in Erde vorkommt, ausgesetzt wurden, mehr Serotonin produzierten. Serotoninmangel wird mit Depressionen in Zusammenhang gebracht, und die gängigen Antidepressiva sorgen für eine Zunahme dieses Hirnbotenstoffs. Während der Einfluss von Serotonin von manchen Wissenschaftlern infrage gestellt wird, können Studien zum Mycobakterium vaccae „helfen zu verstehen, wie der Körper mit dem Gehirn kommuniziert und warum ein gesundes Immunsystem wichtig für den Erhalt der mentalen Gesundheit ist“, schreibt der Forschungsleiter Chris Lowry. „Man muss sich fragen, ob wir nicht alle mehr im Sandkasten spielen sollten.“

Es gibt jedoch noch eine andere Verbindung zur mentalen Gesundheit, um die wir uns kümmern müssen: den negativen, manchmal verheerenden Einfluss, den die Schädigung oder Verleugnung der Natur durch die Menschen ausübt. Glenn Albrecht von der Murdoch University in Perth Australien hat dafür einen Begriff geprägt: Sostalgie. Er kombinierte das lateinische Wort solacium (Trost) und die griechische Wurzel algia (Schmerz) zu Sostalgie. Damit bezeichnet er den „Schmerz, den man empfindet, wenn man erkennen muss, dass der Ort, an dem man wohnt und den man liebt, unmittelbar bedroht ist“. Albrecht entwickelte seine Theorie und diesen Neologismus, als er mit Gemeinden zusammenarbeitete, die durch den Tagebau in der Upper-Hunter-Region in New South Wales zerstört wurden, sowie mit Farmern in Ostaustralien, die unter einer verheerenden, sechs Jahre andauernden Dürre litten.

Im ersten Fall war die Umweltzerstörung von Menschen verursacht, im zweiten Fall war die lange Dürre ein Naturereignis – es sei denn, die Klimaerwärmung wäre die Ursache. Albrecht fragt: Kann es sein, dass die psychische Gesundheit der Menschen durch eine Abfolge von Veränderungen beschädigt wird, einschliesslich subtiler Klimaveränderungen?

Wie auch immer man es nennen mag, wir erleiden diesen Verlust auf einer sehr ursprünglichen Ebene. Menschen, die in Landschaften leben, wo es keine Bäume oder sonstigen natürlichen Lebensformen gibt, erleiden soziale, seelische und körperliche Zusammenbrüche. Sie erinnern an die Reaktion von Tieren, die man ihres natürlichen Lebensraums beraubt hat. „Bei Tieren sieht man vermehrte Aggression, ein gestörtes Aufzuchtverhalten und gestörte soziale Hierarchien“, sagt Frances Kuo, Professorin an der University of Illinois, die mit ihren Kollegen den negativen Einfluss eines denaturierten Lebens auf die Gesundheit und das Wohlbefinden der Menschen untersucht hat. Sie stellten eine Verrohung der Umgangsformen fest, eine Zunahme von Aggressivität, Eigentumsdelikten, Graffiti und Müll auf den Strassen sowie weniger Beaufsichtigung der Kinder, die sich draussen aufhielten. „In unserer Studie zeigen Menschen mit zu wenig Zugang zur Natur eine relativ geringe Konzentrationsfähigkeit und Kognition, sie lösen wichtige Probleme nur schlecht und können ihre Impulse nur schwer kontrollieren.“

Wenn Albrecht recht behält und wenn der Klimawandel in dem Masse eintrifft, wie manche Wissenschaftler glauben, und wenn die Menschen weiterhin in die überfüllten, denaturierten Städte streben, dann wird die Sostalgie zu einer immer schnelleren Spirale psychischer Krankheit beitragen.

Die Sostalgie ist eine Hypothese, keine offizielle Diagnose. Doch mit dieser und anderen Hypothesen können wir den Missklang, den seelischen und manchmal sogar körperlichen Schmerz identifizieren, den so viele Menschen empfinden, wenn sie erleben, wie die Naturlandschaft, die sie lieben, vom Tagebau und von Einkaufszentren mit ihren riesigen asphaltierten Parkplätzen verdrängt wird. Der Schmerz ist nur zu real. Das bedeutet nicht, dass das Stadtleben an sich schlecht für die Gesundheit sein muss. Aber die Art Leben, das viele Menschen führen, selbst in ländlichen Gegenden, kommt der Gesundheit und dem Wohlbefinden nicht unbedingt zugute.

Richard Louv ist Journalist und einer der bekanntesten Umweltaktivisten in den USA. Er ist Chairman des Children & Nature Network (www.cnaturenet. org). Seine Bücher wurden in 15 Sprachen übersetzt. Im Frühjahr 2012 war er Teilnehmer des ersten Gipfeltreffens für Umwelterziehung im Weissen Haus in Washington.

Dieser Text ist ein Auszug aus dem aktuellen Buch von Richard Louv, das unter dem Titel Das Prinzip Natur. Grünes Leben im digitalen Zeitalter vor kurzem im Beltz Verlag Weinheim erschienen ist.

 

Motivierendes Grün

Der Blick auf Grünpflanzen tut Körper und Psyche gut und hat auch stressreduzierende und leistungssteigernde Effekte.

Gummibaum, Farn, Orchidee – als angenehm und entspannend erleben Menschen ihre Zimmerpflanzen und pflegen sie deshalb hingebungsvoll. Doch sind die positiven Effekte auf die Psyche tatsächlich objektiv messbar und reichen sie über ein nur diffuses Wohlbefinden im Betrachter hinaus? Diesen Fragen gehen Psychologen seit einigen Jahren nach und haben unter anderem festgestellt: Natürliches Grün belebt offenbar auch den Arbeitsalltag.

Virginia Lohr ist Professorin für Landbau und Landschaftsarchitektur an der Washington State University. Sie liess Studenten in einem fensterlosen Raum schwierige Aufgaben am Computer lösen, die visuelle Konzentration, genaues Nachdenken und manuelle Geschicklichkeit verlangten. Eine Hälfte der Testpersonen bekam Pflanzen ins Zimmer gestellt, die andere nicht. Dann liess Lohr messen, wie lange die Probanden für ihre Antworten brauchten. Ergebnis: Die Grünpflanzen erhöhten die Reaktionsgeschwindigkeit im Schnitt um zwölf Prozent – und zwar ohne dass damit eine höhere Fehlerrate einhergegangen wäre. Ausserdem bewirkten sie, dass die Versuchspersonen weniger gestresst waren.

Die stressreduzierenden und leistungssteigernden Effekte von Pflanzen erforscht auch der Umweltpsychologe Terry Hartig vom Institut für Bau- und Stadtforschung der Universität Uppsala. Er wollte mit einem Experiment herausfinden, ob schon allein der Blick durch ein Fenster auf Pflanzen die Büroarbeit angenehmer machen und messbare körperliche Wirkungen haben kann. Dafür lud er 100 Studentinnen und Studenten ein und liess sie knifflige Aufgaben lösen. „Hatten die Versuchspersonen einen Fensterblick auf Vegetation, zeigten sie nach der stressauslösenden Aufgabe einen stärkeren und gleichmässigeren Rückgang des Blutdrucks als Personen ohne Blick auf Pflanzen“, berichtet Hartig. In einer weiteren Studie gemeinsam mit der norwegischen Umweltpsychologin Tina Bringslimark liess er rund 400 Büroangestellte über krankheitsbedingte Fehltage und die selbsterlebte Produktivität Protokoll führen. Auch hier zeigte sich ein klarer Nutzen des Grüns: Standen Pflanzen dicht am Arbeitsplatz, fielen beide Aspekte zwar nur leicht, jedoch statistisch signifikant positiver aus.

Wie erklären Umwelt-und Arbeitspsychologen diese Wirkungen? Hier spielen zum einen biologische und physiologische Faktoren eine Rolle. „Pflanzen helfen uns, indem sie die Raumluft verändern, etwa Schadstoffe herausfiltern, den Sauerstoffgehalt und die Luftfeuchtigkeit erhöhen und so die Arbeitsumgebung unmittelbar verbessern“, erklärt Virginia Lohr. Zudem entspanne keine Farbe des Wellenspektrums so stark wie Grün, was zur Stressreduzierung beitrage. Und nicht zuletzt komme hier die über Jahrmillionen erlebte Wertschätzung von Pflanzen zum Tragen. „Der Mensch hat im Laufe der Evolution gelernt, positiv auf Pflanzen zu reagieren“, erläutert Lohr, „denn er kann ohne Pflanzen nicht überleben. Sie sind unsere Lebensgrundlage, liefern Schutz, Nahrung, Baumaterial und Arzneistoffe.“ So hatte der Homo sapiens während seiner Entwicklung viel Zeit, eine innige Beziehung zu ihnen aufzubauen – und fühlt sich bis hinein ins moderne Büro bei ihrem Anblick besser.

Tina Bringslimark. Terry Hartig u.a.: Adaptation to windowlessness Do office workers compensate for a tack of visual access to the outdoors? Environment & Behavior. 43. 2011,469-487

Virginia Lohr u.a.: What are the benefits of plants indoors and why do we respond posttively to them? Acta Horticufturae, 881 (2). /2010, 675-682